Illusion Willensfreiheit

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Vom Nutzen der Illusion, einen freien Willen zu haben

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Wenn es den freien Willen nicht gibt, warum ist dann die Vorstellung, über einen solchen zu verfügen, so präsent, so allgegenwärtig und faktisch bei allen Menschen wirksam?

Jedermann erlebt sich in einem fortwährenden Zwiegespräch, das aus einem unendlichen Strom an Gedanken, Abwägungen besteht und unterbrochen wird nur durch Bewusstlosigkeit und Schlaf; aber manchmal gehen die Überlegungen auch noch in den Träumen weiter.

Dieses gedankliche Selbsterleben, das man schon von Kindheit an bei sich wahrnimmt, diese Überzeugung, dass man doch frei sei und sich entweder für das eine und gegen das andere entscheiden könnte, wird umstandslos auf die Mitmenschen übertragen. Warum nun sollte man dieses überzeugende Gefühl,  dass man Urheber seiner  Entscheidungen sei, in Zweifel ziehen? Ich weiß, dass ich frei bin, da ich dauernd so fühle. Und wenn  andere Menschen, die ja wie ich sind,  etwas Unrechtes tun, gar ein Verbrechen begehen, dann haben sie es getan, weil sie es so wollten, sie hätten sich auch dagegen entscheiden können, denn ich konnte es ja auch.

Nur: Diese Eigenwahrnehmung ist falsch. Man weiß nichts von dem, was im eigenen oder fremden Gehirn im Allgemeinen und bei den konkreten Entscheidungen im Besonderen abgelaufen ist – und das ist auch gut so.

Man weiß nicht, welche Nervenzellverbände beteiligt waren und welche nicht, welche Neuronen warum feuerten oder welche stumm blieben, welche Neurotransmitter warum vermehrt ausgeschüttet wurden oder welche spezifische Gehirnstruktur, durch welche Gene und durch welche Prägungen der Vergangenheit wie aufgebaut und beeinflusst wurde, welche aktuellen Umweltbedingungen für die Entscheidung wirksam wurden und warum. Es ist absolut unmöglich, sämtliche beteiligten Variablen auch nur näherungsweise zu kennen. Aber es ist auch nicht notwendig. Es reicht, zu einem Entschluss zu kommen, der sich als vorteilhaft erweist. Wenn diese Entschlussfassung durch die Black Box Gehirn dem Bewusstsein in Form einer Illusion ( man habe gerade eben jenen Entschluss gefasst, zu einem Zeitpunkt, als dieser längst getroffen war),  präsentiert wird, dann schadet es nicht nur nicht,  sondern es ist sogar nützlich, einen solchen Glauben der eigenen Agentschaft vorgetäuscht zu bekommen: Die Selbstüberzeugung zu haben, Herr im eigenen Haus zu sein, dient einem positiven Selbstbild und damit der Fitness im evolutionären Sinn, sie ist also sehr viel adaptiver als ein geistiger Zustand, in dem man  letztlich in Verzweiflung darüber geraten müsste, dass das Ausmaß der beteiligten Einflussfaktoren auf die eigene Entscheidung nicht nur unübersehbar, sondern größtenteils auch verborgen, also gar nicht zugänglich ist. Das Gehirn ist  kein Wahrheitsministerium, das auf das Erkennen objektiver, vollständiger Wahrheit ausgerichtet ist, sondern es hat die Funktion, dem Individuum das Überleben und die Fortpflanzung zu ermöglichen. Wenn andere Menschen  Absichten verfolgen, die den eigenen Interessen zuwiderlaufen, dann ist es die vordringliche Aufgabe des Gehirns, solche Intentionen rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls Abwehrmaßnahmen zu ergreifen; es geht nicht darum, zu ergründen, welche Faktoren in einem selbst wirksam waren, die zur konkreten Entscheidungsfindung beitrugen, noch geht es darum, alle Faktoren zu kennen,  die das Gegenüber zu seinem Verhalten bewogen haben. Gedanken über dessen individuellen  Werdegang kann man sich später machen; man könnte auch sagen, man muss es sich leisten können, darüber nachzudenken.

Fazit: Es lohnt also nicht, um der Wahrheit willen von den tatsächlichen Einflussfaktoren zu wissen (abgesehen davon, dass das generell unmöglich ist)  ein solches Wissen würde nur zur kognitiven und emotionalen Überlastung führen und ein effektives Reagieren und Handeln verhindern.

Die Illusion, frei zu sein, schadet also nicht nur nicht, sondern durch Komplexitätsreduktion nützt sie sogar.

 


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