Illusion Willensfreiheit

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Der Zustand der Welt – warum es Willensfreiheit nicht geben kann

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Eine elegante und zugleich äußerst präzise Begründung über die Unmöglichkeit der Willensfreiheit in einer – abgesehen von Quanteneffekten – vollständig kausal bedingten Welt, findet sich auf dem Blog von Martin Bäker:

Jede Entscheidung, die ich treffe, ist durch den Zustand der Welt zu Beginn des Entscheidungsprozesses determiniert.

Es ist nach diesem Standpunkt also nicht denkbar, dass ich mich auch hätte anders entscheiden können.

 

Martin Bäker: Hier-wohnen-Drachen-Warum ich das Problem nicht verstehe

 

Vom Nutzen der Illusion, einen freien Willen zu haben

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Wenn es den freien Willen nicht gibt, warum ist dann die Vorstellung, über einen solchen zu verfügen, so präsent, so allgegenwärtig und faktisch bei allen Menschen wirksam?

Jedermann erlebt sich in einem fortwährenden Zwiegespräch, das aus einem unendlichen Strom an Gedanken, Abwägungen besteht und unterbrochen wird nur durch Bewusstlosigkeit und Schlaf; aber manchmal gehen die Überlegungen auch noch in den Träumen weiter.

Dieses gedankliche Selbsterleben, das man schon von Kindheit an bei sich wahrnimmt, diese Überzeugung, dass man doch frei sei und sich entweder für das eine und gegen das andere entscheiden könnte, wird umstandslos auf die Mitmenschen übertragen. Warum nun sollte man dieses überzeugende Gefühl,  dass man Urheber seiner  Entscheidungen sei, in Zweifel ziehen? Ich weiß, dass ich frei bin, da ich dauernd so fühle. Und wenn  andere Menschen, die ja wie ich sind,  etwas Unrechtes tun, gar ein Verbrechen begehen, dann haben sie es getan, weil sie es so wollten, sie hätten sich auch dagegen entscheiden können, denn ich konnte es ja auch.

Nur: Diese Eigenwahrnehmung ist falsch. Man weiß nichts von dem, was im eigenen oder fremden Gehirn im Allgemeinen und bei den konkreten Entscheidungen im Besonderen abgelaufen ist – und das ist auch gut so.

Man weiß nicht, welche Nervenzellverbände beteiligt waren und welche nicht, welche Neuronen warum feuerten oder welche stumm blieben, welche Neurotransmitter warum vermehrt ausgeschüttet wurden oder welche spezifische Gehirnstruktur, durch welche Gene und durch welche Prägungen der Vergangenheit wie aufgebaut und beeinflusst wurde, welche aktuellen Umweltbedingungen für die Entscheidung wirksam wurden und warum. Es ist absolut unmöglich, sämtliche beteiligten Variablen auch nur näherungsweise zu kennen. Aber es ist auch nicht notwendig. Es reicht, zu einem Entschluss zu kommen, der sich als vorteilhaft erweist. Wenn diese Entschlussfassung durch die Black Box Gehirn dem Bewusstsein in Form einer Illusion ( man habe gerade eben jenen Entschluss gefasst, zu einem Zeitpunkt, als dieser längst getroffen war),  präsentiert wird, dann schadet es nicht nur nicht,  sondern es ist sogar nützlich, einen solchen Glauben der eigenen Agentschaft vorgetäuscht zu bekommen: Die Selbstüberzeugung zu haben, Herr im eigenen Haus zu sein, dient einem positiven Selbstbild und damit der Fitness im evolutionären Sinn, sie ist also sehr viel adaptiver als ein geistiger Zustand, in dem man  letztlich in Verzweiflung darüber geraten müsste, dass das Ausmaß der beteiligten Einflussfaktoren auf die eigene Entscheidung nicht nur unübersehbar, sondern größtenteils auch verborgen, also gar nicht zugänglich ist. Das Gehirn ist  kein Wahrheitsministerium, das auf das Erkennen objektiver, vollständiger Wahrheit ausgerichtet ist, sondern es hat die Funktion, dem Individuum das Überleben und die Fortpflanzung zu ermöglichen. Wenn andere Menschen  Absichten verfolgen, die den eigenen Interessen zuwiderlaufen, dann ist es die vordringliche Aufgabe des Gehirns, solche Intentionen rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls Abwehrmaßnahmen zu ergreifen; es geht nicht darum, zu ergründen, welche Faktoren in einem selbst wirksam waren, die zur konkreten Entscheidungsfindung beitrugen, noch geht es darum, alle Faktoren zu kennen,  die das Gegenüber zu seinem Verhalten bewogen haben. Gedanken über dessen individuellen  Werdegang kann man sich später machen; man könnte auch sagen, man muss es sich leisten können, darüber nachzudenken.

Fazit: Es lohnt also nicht, um der Wahrheit willen von den tatsächlichen Einflussfaktoren zu wissen (abgesehen davon, dass das generell unmöglich ist)  ein solches Wissen würde nur zur kognitiven und emotionalen Überlastung führen und ein effektives Reagieren und Handeln verhindern.

Die Illusion, frei zu sein, schadet also nicht nur nicht, sondern durch Komplexitätsreduktion nützt sie sogar.

 

Sind so viele Nervenzellen ….

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Norbert Nedopil: Ein Psychiater versucht sich in der Neurobiologie 

“ … von einem Wunsch oder einer Absicht bis zu der Durchführung einer Handlung  (sind) wesentlich mehr Schritte erforderlich, als sie durch heutige neurowissenschaftliche Methoden verlässlich erfasst werden können.  Diese Vielzahl der Schritte und Regulationsmechanismen sind durch eine unermessliche und unvorstellbare  Zahl neuronaler Verbindungen und Aktivitäten reguliert. Es geht nicht nur um 14 Milliarden Nervenzellen –

(hoppla: Wie man sieht, Nedopil ist noch nicht einmal in den grundlegenden Basics bewandert, denn die „14“ Milliarden Nervenzellen können nicht durch einen simplen Zahlendreher entstanden sein,  die 14 Milliarden (- knapp ein Sechstel der tatsächlichen Anzahl),  lassen sich offensichtlich nur mit mangelhaften Kenntnissen Nedopils  erklären)

– (…) es geht bei jeder Nervenzelle auch noch um eine Vielzahl von Rezeptoren, die variable Empfindlichkeit haben, wodurch sich eine auch nur ungefähre Berechnung der Möglichkeiten, die ein Impuls nehmen kann, kaum je bewerkstelligen lassen dürfte. Wenn es aber schon bei einem dreigliedrigem Chaospendel nicht gelingt, die Pendelausschläge zu berechnen, wie viel weniger kann dies in einem so komplexen Gebilde wie dem Gehirn gelingen. „[1]

Nedopil vergleicht allen Ernstes das menschliche Gehirn mit einem Chaospendel – ?

 

Keine Beweise ? 

„Vor diesem Hintergrund ist mein persönlicher Standpunkt, dass es trotz aller anerkennenswerter und wichtiger Fortschritte der Neurowissenschaften in Anbetracht der Komplexität des Zentralnervensystems und der Unsicherheit über denkbare Entscheidungsmöglichkeiten keinen Beweis für oder gegen den freien Willen gibt; es gibt aber genügend Platz für die Willensfreiheit.“

Die weitere Argumentationsstrategie folgt einem altvertrautem Muster; es wird die Behauptung aufgestellt:  Wenn man das große Ganze nicht in allen Einzelheiten kennt, dann darf man auch keine Aussagen zu  einzelnen Aspekten machen. That’s wrong.

Was ist von Nedopils Aussage zu halten, es gäbe keinen Beweis für oder gegen den freien Willen?

Inzwischen gibt  es viele wissenschaftliche Experimente, angefangen bei Libet, durch welche die Existenz eines freien Willens infrage gestellt wird.

Es existiert jedoch kein einziges wissenschaftliches Experiment, durch welches die Annahme der Existenz eines freien Willens gestützt würde. Kein einziges.  Die Situation ähnelt der Frage nach der Beweisbarkeit Gottes: Gläubige verweisen darauf, dass kein Wissenschaftler bisher die Nichtexistenz Gottes beweisen konnte, also glauben sie beruhigt weiter. Im Falle der Willensfreiheit stellt Nedopil fest : “ es gibt aber genügend Platz für Willensfreiheit“  Was nichts anderes heißt, wo nichts bewiesen ist, darf alles gelten.  „In Analogie dazu meine ich, dass Freiheit des Willens auch dadurch gewährt wird, dass sie dem Menschen von anderen Menschen zugebilligt wird.“  [2]

So einfach ist das: Willensfreiheit existiert, da wir sie anderen zugestehen.  Schönes Beispiel für magisches Denken – nur mit Wissenschaft haben solche Aussagen nichts mehr zu tun.

 

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Die einzige Frage

 

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Von was handelt die Willensfreiheit?

Es geht um eine einzige Frage:

Hätte eine bestimmte Person P zu einem bestimmten Zeitpunkt t auch anders handeln können, als sie gehandelt hat?

Wer die Frage verneint, verneint die Möglichkeit des freien Willens.

Wer die Frage bejaht, bejaht die Möglichkeit der Willensfreiheit.

Das ist alles. Die Definition dessen, von was die Willensfreiheit handelt, lässt sich auf diese eine Frage reduzieren.  Die Antwort lautet entweder Ja oder Nein, so, wie die Frage, ob die Erde sich um die Sonne dreht, der Mensch mit den Affen einen gemeinsamen Vorfahren teilt oder ob Wasser aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht, ebenfalls mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Viele Philosophen und auch manche Psychologen versuchen nun, mit Ausweichmanövern diese Fragestellung zu umgehen und sich dadurch einer konkreten Stellungnahme zu entziehen. Sie eröffnen Nebenschauplätze, indem sie von den „eigentlich interessanten Fragen“ fabulieren, (T. Metzinger),  oder behaupten,  es existiere Unvereinbares gleichzeitig, (der Wille sei sowohl determiniert als auch frei, (J. Kuhl)  oder sie  beschäftigen sich mit individuellen Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle. ( J.Bauer).

Alle diese Themenbereiche berühren lediglich Unterkategorien von Fragestellungen, die zwar in Teilaspekten das menschliche Handeln, Denken und Fühlen betreffen,  sie beziehen sich aber nicht auf die übergeordnete und entscheidende Frage des Anderskönnens,  die einzig eine Klärung der Frage nach der Existenz der Willensfreiheit erlaubt.

 

 

 

 

„Free will is dead, let’s bury it“

Sabine Hossenfelder: 

I wish people would  stop insisting they have free will. It’s terribly annoying. Insisting that free will exists is bad science, like insisting that horoscopes tell you something about the future – it’s not compatible with our knowledge about nature.

According to our best present understanding of the fundamental laws of nature, everything that happens in our universe is due to only four different forces: gravity, electromagnetism, and the strong and weak nuclear force. These forces have been extremely well studied, and they don’t leave any room for free will. (mehr …)

Der Schuldbegriff kommt ohne Präzisierung aus

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– meint der Strafrechtler Klaus Günther

K. Günther, Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozeßrecht, hält es für überflüssig zu definieren, was Schuld sei. Eine solche positive Begriffsbestimmung sei deshalb nicht notwendig, da man in der Strafrechtspraxis auch ohne eine solche auskomme. Es genüge zu wissen, wann Schuld auszuschließen sei, nämlich immer dann, wenn keine Ausnahmetatbestände nach 20, 21 STGB vorliegen. Das erinnert an den Ausspruch des ehemaligen Richters  am Obersten Gerichtshof Potter Stewart,  der zur Schwierigkeit der Bestimmung, was Pornographie sei und was nicht gemeint hatte :          „I know it when I see it.“

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Wenn aber alle Teile nicht frei sind, kann das Gesamtsystem nicht frei sein

 

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Christian Hoppe

„Nun ist da aber mein Gehirn, eingebettet in den Organismus und über das Nervensystem rundum mit ihm verknüpft. Und der Organismus ist seinerseits eingebettet in die Umwelt, mit der er physisch und chemisch fortlaufend interagiert. Alle diese Prozesse laufen determiniert ab. Kein Mensch kann sie vorausberechnen. Aber von Augenblick zu Augenblick kann sich der Gesamtzustand – Umwelt, Organismus, Gehirn – nur genau so verändern, wie er sich verändert. Kein einzelnes Element meines physischen Organismus verfügt über Freiheit, der gesamte Organismus ist in allen seinen Einzelteilen und Einzelfunktionen determiniert. Wie kann aber ein Gesamtsystem frei sein, wenn seine sämtlichen Bestandteile es nicht sind?

Intentionalität gibt es schon auf Zellebene

Manche mögen nun einwenden, hier läge ein mer(e)ologischer Fehlschluss vor: zu Unrecht werde dem Gesamtsystem eine Eigenschaft abgesprochen, nur weil die Teile (meros, das Teil) diese Eigenschaft nicht haben. Mit gleichem Recht könne man dann ja auch das Denken und das Fühlen als Illusionen bezeichnen, da keine Nervenzelle denken oder fühlen kann. Betrachtet man die Sache aber genauer, so kann man durchaus schon bei Molekülen und erst Recht bei Zellen rudimentäre Fähigkeiten der Reaktionsfähigkeit auf die Umwelt, ja sogar der Intentionalität (leben wollen) erkennen.  (mehr …)