Illusion Willensfreiheit

Point of no return – warum das Veto-Experiment nichts über die Existenz eines freien Willens aussagt

 

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„Unser Wille ist freier als angenommen“ – so konnte man es im Januar 2016 in den Headlines zahlreicher Medien [1] lesen, die über das sogenannte Veto-Experiment berichteten, das 2015 unter der Leitung von John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité  in Zusammenarbeit mit Benjamin Blankertz und Matthias Schultze-Kraft von der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde.  

Ausgangspunkt für die fast immer gleichen Schlagzeilen war offensichtlich der Teaser auf der Website der Charité , in welchem im Dezember 2015 zuerst die Formulierung auftauchte von dem „Willen, der freier sei als angenommen“, eine Folgerung, die sich aus den Resultaten des Veto-Experiment ergeben würde.

Diese Behauptung ist jedoch irreführend und falsch. Aus dem Vetoexperiment folgt ganz und gar nicht, dass der Wille frei oder auch nur „freier“ sei, als bisher gedacht. Das Experiment untersucht etwas ganz anderes als das, für das es durch John-Dylan Haynes in zahlreichen Interviews der Öffentlichkeit verkauft wird.

Tatsächlich geht es bei dem sogenannten Veto Experiment um die Schnelligkeit und die Grenzen der Informationsverarbeitung, d.h. um das Reaktionsvermögen bei neuen Signalen, die erst in Sekundenbruchteilen vor Ausführung einer beabsichtigen Handlung eintreffen und die im Widerspruch zur ursprünglichen Information und damit im Widerspruch zur ursprünglichen Handlungsintention stehen.

 

Zum Ablauf des Veto-Experiments

Das Experiment wurde in Analogie zu einer Haltesituation vor einer Ampel konzipiert. Auf dem Bildschirm erscheinen abwechselnd grüne und rote Signale. Die Instruktion an die Probanden lautete: “ Drücken Sie, wann immer Sie wollen, es sei denn, das Licht ist rot geworden“ . Drücken die Probanden, deren Hirnströme während des Experiments per EEG ausgelesen werden, bei Grün das Pedal, gewinnen sie einen Punkt, im Versagensfall, sie drücken das Pedal obwohl ein Wechsel auf Rot erfolgte, wird ihnen ein Punkt abgezogen.

In einem ersten, vorbereitenden Versuchsdurchlauf  leuchtete das Rotsignal per Zufallsgenerator auf dem Monitor auf. Dieser Test diente einzig dazu, die Software darauf zu trainieren, die individuellen Bereitschaftspotentiale der Teilnehmer zu erkennen.

Im zweiten und dritten Durchlauf erfolgte das Aufscheinen des roten Signals nicht mehr per Zufall, sondern wurde durch den Computer manipuliert:  Dieser schaltete nun immer dann auf Rot, wenn aufgrund des von ihm ausgelesenen Bereitschaftspotenzials  für ihn erkennbar war, dass die Probanden kurz davor waren, eine Bewegung auszuführen. Das Spiel war also gezinkt, was die Probanden zunächst nicht wussten,  sie konnten nur irritiert feststellen, dass sie, im Gegensatz zum ersten Testdurchlauf, nun plötzlich dauernd verloren. Irgend etwas musste sich an den Spielbedingungen geändert haben. Wenn die Probanden trotzdem gewinnen wollten, dann mussten sie ihr Verhalten, ihre Reaktionszeiten anpassen und sie auf den veränderten Algorithmus der Software abstimmen, der sie nun schärfer unter Druck setzte, indem er in ihre neuronale, unbewusst ablaufende Handlungsvorbereitung quasi hineinfunkte. vgl. [2]

 

Welche Frage sollte bei dem Experiment untersucht werden?

Haynes: 

Würden die Probanden unter diesen Bedingungen in der Lage sein, ihre Bewegung so kurzfristig zu stoppen?“

Unser Ziel war  herauszufinden, ob mit dem Auftreten der frühen Hirnwellen eine Entscheidung automatisch und unkontrollierbar erfolgt, oder ob sich der Proband noch umentscheiden, also ein ‚Veto’ ausüben kann“. 

 

DIE ERGEBNISSE 

Bei grünem Licht zeigte sich das Bereitschaftspotenzial etwa 1000 Millisekunden, also eine Sekunde, vor der Bewegung. Etwa 300 Millisekunden, bevor die ersten Muskeln zucken, wird das Bewusstsein informiert. Es hat dann noch 100 Millisekunden Zeit, die Bewegung zu verhindern. Schaltet das Licht danach auf Rot, kann der Proband nicht mehr rechtzeitig reagieren – und drückt aufs Pedal. “ (…) „Ab einem bestimmten Zeitpunkt kann auch das Bewusstsein die Bewegung nicht mehr abbrechen. Zu dieser Zeit sind die Bewegungssignale bereits in den motorischen Hirnregionen angekommen und können nicht mehr gestoppt werden“

“ In mehr als 40 Prozent aller Fälle konnte eine Bewegung ganz und gar verhindert werden,  nachdem der Computer bereits das Bereitschaftspotenzial aus ihren Hirnwellen herausgelesen hatte, den Tritt aufs Pedal abzubrechen. “ [3]

Je später also der Wechsel auf Rot vom Computer angezeigt wurde, dh. je näher er sich ab der ersten Messung des Bereitschaftspotenzials dem Zeitpunkt t <200 Millisekunden näherte, desto geringer waren die Chancen der Probanden, das Pedal nicht zu drücken; unter 200 ms war die ursprünglich anvisierte Bewegung nicht mehr zu stoppen, also der point of no return erreicht.

 

AUSWERTUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN 

 

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Vom Nutzen der Illusion, einen freien Willen zu haben

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Wenn es den freien Willen nicht gibt, warum ist dann die Vorstellung, über einen solchen zu verfügen, so präsent, so allgegenwärtig und faktisch bei allen Menschen wirksam?

Jedermann erlebt sich in einem fortwährenden Zwiegespräch, das aus einem unendlichen Strom an Gedanken, Abwägungen besteht und unterbrochen wird nur durch Bewusstlosigkeit und Schlaf; aber manchmal gehen die Überlegungen auch noch in den Träumen weiter.

Dieses gedankliche Selbsterleben, das man schon von Kindheit an bei sich wahrnimmt, diese Überzeugung, dass man doch frei sei und sich entweder für das eine und gegen das andere entscheiden könnte, wird umstandslos auf die Mitmenschen übertragen. Warum nun sollte man dieses überzeugende Gefühl,  dass man Urheber seiner  Entscheidungen sei, in Zweifel ziehen? Ich weiß, dass ich frei bin, da ich dauernd so fühle. Und wenn  andere Menschen, die ja wie ich sind,  etwas Unrechtes tun, gar ein Verbrechen begehen, dann haben sie es getan, weil sie es so wollten, sie hätten sich auch dagegen entscheiden können, denn ich konnte es ja auch.

Nur: Diese Eigenwahrnehmung ist falsch. Man weiß nichts von dem, was im eigenen oder fremden Gehirn im Allgemeinen und bei den konkreten Entscheidungen im Besonderen abgelaufen ist – und das ist auch gut so.

Man weiß nicht, welche Nervenzellverbände beteiligt waren und welche nicht, welche Neuronen warum feuerten oder welche stumm blieben, welche Neurotransmitter warum vermehrt ausgeschüttet wurden oder welche spezifische Gehirnstruktur, durch welche Gene und durch welche Prägungen der Vergangenheit wie aufgebaut und beeinflusst wurde, welche aktuellen Umweltbedingungen für die Entscheidung wirksam wurden und warum. Es ist absolut unmöglich, sämtliche beteiligten Variablen auch nur näherungsweise zu kennen. Aber es ist auch nicht notwendig. Es reicht, zu einem Entschluss zu kommen, der sich als vorteilhaft erweist. Wenn diese Entschlussfassung durch die Black Box Gehirn dem Bewusstsein in Form einer Illusion ( man habe gerade eben jenen Entschluss gefasst, zu einem Zeitpunkt, als dieser längst getroffen war),  präsentiert wird, dann schadet es nicht nur nicht,  sondern es ist sogar nützlich, einen solchen Glauben der eigenen Agentschaft vorgetäuscht zu bekommen: Die Selbstüberzeugung zu haben, Herr im eigenen Haus zu sein, dient einem positiven Selbstbild und damit der Fitness im evolutionären Sinn, sie ist also sehr viel adaptiver als ein geistiger Zustand, in dem man  letztlich in Verzweiflung darüber geraten müsste, dass das Ausmaß der beteiligten Einflussfaktoren auf die eigene Entscheidung nicht nur unübersehbar, sondern größtenteils auch verborgen, also gar nicht zugänglich ist. Das Gehirn ist nun mal kein Wahrheitsministerium, das auf das Erkennen objektiver, vollständiger Wahrheit ausgerichtet ist, sondern es hat die Funktion, dem Individuum das Überleben und die Fortpflanzung zu ermöglichen. Wenn andere Menschen  Absichten verfolgen, die den eigenen Interessen zuwiderlaufen, dann ist es die vordringliche Aufgabe des Gehirns, solche Intentionen rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls Abwehrmaßnahmen zu ergreifen; es geht nicht darum, zu ergründen, welche Faktoren in einem selbst wirksam waren, die zur konkreten Entscheidungsfindung beitrugen, noch geht es darum, alle Faktoren zu kennen,  die das Gegenüber zu seinem Verhalten bewogen haben. Gedanken über dessen individuellen  Werdegang kann man sich später machen; man könnte auch sagen, man muss es sich leisten können, darüber nachzudenken.

Fazit: Es lohnt also nicht, um der Wahrheit willen von den tatsächlichen Einflussfaktoren zu wissen (abgesehen davon, dass das generell unmöglich ist)  ein solches Wissen würde nur zur kognitiven und emotionalen Überlastung führen und ein effektives Reagieren und Handeln verhindern.

Die Illusion, frei zu sein, schadet also nicht nur nicht, sondern durch Komplexitätsreduktion nützt sie sogar.

 

Sind so viele Nervenzellen ….

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Norbert Nedopil: Ein Psychiater versucht sich in der Neurobiologie 

“ … von einem Wunsch oder einer Absicht bis zu der Durchführung einer Handlung  (sind) wesentlich mehr Schritte erforderlich, als sie durch heutige neurowissenschaftliche Methoden verlässlich erfasst werden können.  Diese Vielzahl der Schritte und Regulationsmechanismen sind durch eine unermessliche und unvorstellbare  Zahl neuronaler Verbindungen und Aktivitäten reguliert. Es geht nicht nur um 14 Milliarden Nervenzellen –

(hoppla: Wie man sieht, Nedopil ist noch nicht einmal in den grundlegenden Basics bewandert, denn die „14“ Milliarden Nervenzellen können nicht durch einen simplen Zahlendreher entstanden sein,  die 14 Milliarden (- knapp ein Sechstel der tatsächlichen Anzahl),  lassen sich offensichtlich nur mit mangelhaften Kenntnissen Nedopils  erklären)

– (…) es geht bei jeder Nervenzelle auch noch um eine Vielzahl von Rezeptoren, die variable Empfindlichkeit haben, wodurch sich eine auch nur ungefähre Berechnung der Möglichkeiten, die ein Impuls nehmen kann, kaum je bewerkstelligen lassen dürfte. Wenn es aber schon bei einem dreigliedrigem Chaospendel nicht gelingt, die Pendelausschläge zu berechnen, wie viel weniger kann dies in einem so komplexen Gebilde wie dem Gehirn gelingen. „[1]

Nedopil vergleicht allen Ernstes das menschliche Gehirn mit einem Chaospendel – ?

 

Keine Beweise ? 

„Vor diesem Hintergrund ist mein persönlicher Standpunkt, dass es trotz aller anerkennenswerter und wichtiger Fortschritte der Neurowissenschaften in Anbetracht der Komplexität des Zentralnervensystems und der Unsicherheit über denkbare Entscheidungsmöglichkeiten keinen Beweis für oder gegen den freien Willen gibt; es gibt aber genügend Platz für die Willensfreiheit.“

Die weitere Argumentationsstrategie folgt einem altvertrautem Muster; es wird die Behauptung aufgestellt:  Wenn man das große Ganze nicht in allen Einzelheiten kennt, dann darf man auch keine Aussagen zu  einzelnen Aspekten machen. That’s wrong.

Was ist von Nedopils Aussage zu halten, es gäbe keinen Beweis für oder gegen den freien Willen?

Inzwischen gibt  es viele wissenschaftliche Experimente, angefangen bei Libet, durch welche die Existenz eines freien Willens infrage gestellt wird.

Es existiert jedoch kein einziges wissenschaftliches Experiment, durch welches die Annahme der Existenz eines freien Willens gestützt würde. Kein einziges.  Die Situation ähnelt der Frage nach der Beweisbarkeit Gottes: Gläubige verweisen darauf, dass kein Wissenschaftler bisher die Nichtexistenz Gottes beweisen konnte, also glauben sie beruhigt weiter. Im Falle der Willensfreiheit stellt Nedopil fest : “ es gibt aber genügend Platz für Willensfreiheit“  Was nichts anderes heißt, wo nichts bewiesen ist, darf alles gelten.  „In Analogie dazu meine ich, dass Freiheit des Willens auch dadurch gewährt wird, dass sie dem Menschen von anderen Menschen zugebilligt wird.“  [2]

So einfach ist das: Willensfreiheit existiert, da wir sie anderen zugestehen.  Schönes Beispiel für magisches Denken – nur mit Wissenschaft haben solche Aussagen nichts mehr zu tun.

 

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Markus Gabriel: Kein Determinismus ist wahr

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(bzw.: Determinismus ist das, was ich darunter verstehe)

Markus Gabriel ist der Philosoph, der den Physikern, zeigt wo der begriffliche Hammer hängt:

„Philosophie ( …) ist eine Wissenschaft, in der es um bestimmte Begriffe geht auf eine bestimmte Weise. Die Physik verzettelt sich wie alle anderen Wissenschaften auch häufig in begrifflicher Verwirrung. In dem Fall kommt der Philosoph und weist darauf hin, was die begrifflichen Verwirrungen sind.“

Gabriel weiß, was vom Determinismus zu halten ist: 

„Erstens ist kein Determinismus wahr und zwar bin ich jemand, der glaubt, dass auch im Falle, wenn alles durchgängig bestimmt wäre, die Freiheit nicht bedroht wäre.“

Gabriel erklärt also, dass er es für bedeutungslos hält,  wenn alles deterministisch abläuft – Freiheit soll es trotzdem geben. Es lebe die Unlogik!

Seinen Satz beginnt er mit „Kein Determinismus ist wahr“, um dann begründungslos, zum Gegenteil seiner ersten Aussage zu springen und zu postulieren: Selbst wenn der Determinismus wahr wäre, die Freiheit bliebe trotzdem.

Die Freiheit muss also gerettet werden, um jeden Preis, mit oder ohne Determinismus. (mehr …)

Die einzige Frage

 

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Von was handelt die Willensfreiheit?

Es geht um eine einzige Frage:

Hätte eine bestimmte Person P zu einem bestimmten Zeitpunkt t auch anders handeln können, als sie gehandelt hat?

Wer die Frage verneint, verneint die Möglichkeit des freien Willens.

Wer die Frage bejaht, bejaht die Möglichkeit der Willensfreiheit.

Das ist alles. Die Definition dessen, von was die Willensfreiheit handelt, lässt sich auf diese eine Frage reduzieren.  Die Antwort lautet entweder Ja oder Nein, so, wie die Frage, ob die Erde sich um die Sonne dreht, der Mensch mit den Affen einen gemeinsamen Vorfahren teilt oder ob Wasser aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht, ebenfalls mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Viele Philosophen und auch manche Psychologen versuchen nun, mit Ausweichmanövern diese Fragestellung zu umgehen und sich dadurch einer konkreten Stellungnahme zu entziehen. Sie eröffnen Nebenschauplätze, indem sie von den „eigentlich interessanten Fragen“ fabulieren, (T. Metzinger),  oder behaupten,  es existiere Unvereinbares gleichzeitig, (der Wille sei sowohl determiniert als auch frei, (J. Kuhl)  oder sie  beschäftigen sich mit individuellen Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle. ( J.Bauer).

Alle diese Themenbereiche berühren lediglich Unterkategorien von Fragestellungen, die zwar in Teilaspekten das menschliche Handeln, Denken und Fühlen betreffen,  sie beziehen sich aber nicht auf die übergeordnete und entscheidende Frage des Anderskönnens,  die einzig eine Klärung der Frage nach der Existenz der Willensfreiheit erlaubt.

 

 

 

 

Aber die Deutungshoheit, die haben wir

Von der Selbsterhöhung der Philosophen im Diskurs um die Willensfreiheit

Gerhard Roth

„Während meines Philosophiestudiums in Münster vertrat der bekannte Philosoph Joachim Ritter unter Kopfnicken der Kollegenschaft die Ansicht, es sei Sache der Naturwissenschaften, Dinge gewissenhaft zu erforschen, und die Sache der Philosophen, diese Ergebnisse zu deuten. Hierzu seien Naturwissenschaftler nämlich nicht in der Lage.“

Gerhard Roth: Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen, in: Christian Geyer (Hg): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente

 

 

„Free will is dead, let’s bury it“

Sabine Hossenfelder: 

I wish people would  stop insisting they have free will. It’s terribly annoying. Insisting that free will exists is bad science, like insisting that horoscopes tell you something about the future – it’s not compatible with our knowledge about nature.

According to our best present understanding of the fundamental laws of nature, everything that happens in our universe is due to only four different forces: gravity, electromagnetism, and the strong and weak nuclear force. These forces have been extremely well studied, and they don’t leave any room for free will. (mehr …)

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