Illusion of Freedom of Will – Illusion Willensfreiheit

Vom Nutzen der Illusion, einen freien Willen zu haben

DSCI0550

Wenn es den freien Willen nicht gibt, warum ist dann die Vorstellung, über einen solchen zu verfügen, so präsent, so allgegenwärtig und faktisch bei allen Menschen wirksam?

Jedermann erlebt sich in einem fortwährenden Zwiegespräch, das aus einem unendlichen Strom an Gedanken, Abwägungen besteht und unterbrochen wird nur durch Bewusstlosigkeit und Schlaf; aber manchmal gehen die Überlegungen auch noch in den Träumen weiter.

Dieses gedankliche Selbsterleben, das man schon von Kindheit an bei sich wahrnimmt, diese Überzeugung, dass man doch frei sei und sich entweder für das eine und gegen das andere entscheiden könnte, wird umstandslos auf die Mitmenschen übertragen. Warum nun sollte man dieses überzeugende Gefühl,  dass man Urheber seiner  Entscheidungen sei, in Zweifel ziehen? Ich weiß, dass ich frei bin, da ich dauernd so fühle. Und wenn  andere Menschen, die ja wie ich sind,  etwas Unrechtes tun, gar ein Verbrechen begehen, dann haben sie es getan, weil sie es so wollten, sie hätten sich auch dagegen entscheiden können, denn ich konnte es ja auch.

Nur: Diese Eigenwahrnehmung ist falsch. Man weiß nichts von dem, was im eigenen oder fremden Gehirn im Allgemeinen und bei den konkreten Entscheidungen im Besonderen abgelaufen ist – und das ist auch gut so.

(mehr …)

Sind so viele Nervenzellen ….

MEDION Digital Camera

 

Norbert Nedopil, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

“ … von einem Wunsch oder einer Absicht bis zu der Durchführung einer Handlung  (sind) wesentlich mehr Schritte erforderlich, als sie durch heutige neurowissenschaftliche Methoden verlässlich erfasst werden können.  Diese Vielzahl der Schritte und Regulationsmechanismen sind durch eine unermessliche und unvorstellbare  Zahl neuronaler Verbindungen und Aktivitäten reguliert. Es geht nicht nur um 14 Milliarden Nervenzellen – (mehr …)

Markus Gabriel: Kein Determinismus ist wahr

DSCI0563

 

(bzw.: Determinismus ist das, was ich darunter verstehe)

Markus Gabriel ist der Philosoph, der den Physikern, zeigt wo der begriffliche Hammer hängt:

„Philosophie ( …) ist eine Wissenschaft, in der es um bestimmte Begriffe geht auf eine bestimmte Weise. Die Physik verzettelt sich wie alle anderen Wissenschaften auch häufig in begrifflicher Verwirrung. In dem Fall kommt der Philosoph und weist darauf hin, was die begrifflichen Verwirrungen sind.“

Gabriel weiß, was vom Determinismus zu halten ist: 

„Erstens ist kein Determinismus wahr und zwar bin ich jemand, der glaubt, dass auch im Falle, wenn alles durchgängig bestimmt wäre, die Freiheit nicht bedroht wäre.“

Gabriel erklärt also, dass er es für bedeutungslos hält,  wenn alles deterministisch abläuft – Freiheit soll es trotzdem geben.

Seinen Satz beginnt er mit „Kein Determinismus ist wahr“, um dann begründungslos, zum Gegenteil seiner ersten Aussage zu springen und zu postulieren: Selbst wenn der Determinismus wahr wäre, die Freiheit bliebe trotzdem.

Die Freiheit muss also gerettet werden, um jeden Preis, mit oder ohne Determinismus. (mehr …)

Die einzige Frage

DSC00027

 

 

Von was handelt die Willensfreiheit?

Es geht um eine einzige Frage:

Hätte eine bestimmte Person P zu einem bestimmten Zeitpunkt t auch anders handeln können, als sie gehandelt hat?

Wer die Frage verneint, verneint die Möglichkeit des freien Willens.

Wer die Frage bejaht, bejaht die Möglichkeit der Willensfreiheit.

Das ist alles. Die Definition dessen, von was die Willensfreiheit handelt, lässt sich auf diese eine Frage reduzieren.  Die Antwort lautet entweder Ja oder Nein, so, wie die Frage, ob die Erde sich um die Sonne dreht, der Mensch mit den Affen einen gemeinsamen Vorfahren teilt oder ob Wasser aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht, ebenfalls mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Viele Philosophen und auch manche Psychologen versuchen nun, mit Ausweichmanövern diese Fragestellung zu umgehen und sich dadurch einer konkreten Stellungnahme zu entziehen.  Sie eröffnen Nebenschauplätze, indem sie von den „eigentlich interessanten Fragen“ fabulieren, (T. Metzinger),  oder behaupten,  es existiere Unvereinbares gleichzeitig, (der Wille sei sowohl determiniert als auch frei, (J. Kuhl)  oder sie  beschäftigen sich mit individuellen Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle. ( J.Bauer).

Alle diese Themenbereiche berühren lediglich Unterkategorien von Fragestellungen, die zwar in Teilaspekten das menschliche Handeln, Denken und Fühlen betreffen,  sie beziehen sich aber nicht auf die übergeordnete und entscheidende Frage des Anderskönnens,  die einzig eine Klärung der Frage nach der Existenz der Willensfreiheit erlaubt.

 

 

 

 

„Free will is dead, let’s bury it“

DSCI0417

 

Sabine Hossenfelder: 

I wish people would  stop insisting they have free will. It’s terribly annoying. Insisting that free will exists is bad science, like insisting that horoscopes tell you something about the future – it’s not compatible with our knowledge about nature.

According to our best present understanding of the fundamental laws of nature, everything that happens in our universe is due to only four different forces: gravity, electromagnetism, and the strong and weak nuclear force. These forces have been extremely well studied, and they don’t leave any room for free will. (mehr …)

Thomas Metzinger : Die Freiheit, die ich meine …

DSCI1334 (2)

 

 

„Dann müssen wir natürlich verstehen, was „Freiheit“ bedeuten soll. Die meisten Fachleute sind sich einig, dass es das „Anderskönnen“ nicht gibt: Körperbewegungen werden durch Gehirnvorgänge ausgelöst und gesteuert, quantenmechanische Effekte mitteln sich in den relevanten Größenordnungen und bei einer Körpertemperatur von 37° aus. Wenn alle physikalischen Randbedingungen, also der Körper, die Konfiguration des Gehirns und die Umwelt identisch sind, dann wird es auch zu identischen Körperbewegungen und geistigen Abläufen kommen. “

 

„Anderskönnen gibt es nicht“ fasst Metzinger  zusammen.  Offensichtlich mag er der Aussage „der meisten Fachleute“ nicht widersprechen, aber das Ergebnis scheint ihn nicht zufrieden zu stellen: Denn sogleich wendet er ein:

„Die eigentlich interessante Frage ist, ob es Formen von Freiheit in einem schwächeren und trotzdem philosophisch interessanten Sinn gibt, die in diesem Sinne mit dem wissenschaftlichen Weltbild in Einklang zu bringen sind.“

Hier wird jede Logik  mit Füßen getreten: Denn wenn es kein Anderskönnen gibt, dann gibt es  in Bezug auf die Willensfreiheit auch keinerlei andere Formen von Freiheit, weder in einem schwächerem noch in einem stärkerem Sinn.

Warum vernebelt Metzinger mit seinem Einwurf der  „eigentlich interessanten Frage“  die Diskussion, die an der Stelle, an der ein Anderskönnen verneint wird, zu Ende ist?

 

Thomas Metzinger/ „Neuro-Bashing“ als Nachfolger des „Veganer-Bashings“

 

 

Untragbare Grenzüberschreitung

Gerhard Luf, em. Professor für Rechtsphilosophie und Kirchengeschichte, gesteht, er habe zwar keinerlei Kompetenz, „um Aussagen über die naturwissenschaftliche Qualität solcher (neurobiologischer) Forschungen zu treffen“.

Wenn es aber darum geht, „ob Fragen der Grundlegung menschlicher Freiheit tatsächlich in den Kategorien eines naturwissenschaftlichen Paradigmas beantwortet werden können“, dann hat er eine ganz klare Meinung:

„Ich meine, dass dies unmöglich ist und sehe darin im Einklang mit vielen Kritikern eine philosophisch untragbare Grenzüberschreitung. “ [1]

Das heißt, Luf gibt freimütig zu, dass ihm zwar neurowissenschaftliches  Basiswissen fehlt, gleichwohl sieht er sich auf der sicheren Seite in seiner Ablehnung einer  Zuständigkeit der Neurowissenschaften hinsichtlich der Frage, wie frei  der Mensch  denn in seinem Handeln ist.

Ein Beispiel dafür, wie  Ignoranz aufs schönste kompatibel ist mit absoluten Überzeugungen und Gewissheiten.

„We can be absolutely certain only about things we don’t understand.“ Eric Hoffer  (mehr …)

Der Schuldbegriff kommt ohne Präzisierung aus

DSCI1325 (2)

 

– meint der Strafrechtler Klaus Günther

K. Günther, Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozeßrecht, hält es für überflüssig zu definieren, was Schuld sei. Eine solche positive Begriffsbestimmung sei deshalb nicht notwendig, da man in der Strafrechtspraxis auch ohne eine solche auskomme. Es genüge zu wissen, wann Schuld auszuschließen sei, nämlich immer dann, wenn keine Ausnahmetatbestände nach 20, 21 STGB vorliegen. Das erinnert an den Ausspruch des ehemaligen Richters  am Obersten Gerichtshof Potter Stewart,  der zur Schwierigkeit der Bestimmung, was Pornographie sei und was nicht gemeint hatte :          „I know it when I see it.“

(mehr …)

Ohne Schuld – Der U-Bahntreter von Berlin

Der 28-jährige Svetoslav S., der in einem Berliner U-Bahnschacht eine 26-jährige Studentin mit einem Fußtritt die Treppe hinunterstieß, muss für drei Jahre ins Gefängnis. Dem Bulgaren wurde aufgrund einer Intelligenzminderung, einer Gehirnschädigung infolge eines Autounfalls und wegen Drogengebrauchs verminderte Schuldfähigkeit durch einen Gutachter attestiert.  (FAZ, 06.07. 2017)   Gesetzt den Fall, sowohl in der Rechtswissenschaft, als auch an den Gerichten hätte sich das Wissen um das Fehlen eines freien Willens durchgesetzt – wie würde die rechtliche Behandlung dieses Falles aussehen?

Wenn es keine Schuld gibt, dann kann es auch keine Schuldminderungsgründe mehr geben. Wo nichts ist, kann nichts mehr gemindert werden. In der Bewertung des Falles spielte es also keine Rolle, ob Svetoslav S. nur intelligenzgemindert wäre, ob er zusätzlich noch Drogen genommen, und/oder er den Autounfall erlebt hätte.

Würde es einen Unterschied machen, wenn man bei Svetoslav S. überdurchschnittliche Intelligenz und in der Vergangenheit ein drogenfreies Leben nachgewiesen hätte ? – Nicht, wenn der Bezugrahmen zur Straffestsetzung die Feststellung einer individuellen Schuld wäre, denn auch ein hochintelligenter Svetoslav S, der die gleiche Tat begangen hätte,  hätte nicht anders handeln können, als er gehandelt hat. Ob die gleiche Tat durch ein massiv geschädigtes Hirn  oder durch ein Gehirn mit nur geringfügig feststellbaren Schäden verursacht wurde ist ohne Bedeutung; in beiden Fällen liefen die neuronalen Prozesse in  determinierter  (evtl auch  indeterminierter) Weise ab, auf deren Ergebnis der Täter in keinem Fall Einfluss nehmen konnte.

„Schuldparadoxon“ ? – hier irrt Gerhard Roth

DSC00132

 

„Solchen Tätern wird von Gerichten meist eine „besondere Schwere der Schuld“ bescheinigt. Aus der Perspektive der Hirnforschung ergibt sich hingegen ein „Schuldparadoxon“: Je verabscheuungswürdiger im Sinne des traditionellen Strafrechts, desto klarer die neurologisch-psychische Bedingtheit des Täters und der Tat.“ Gerhard Roth: Ohne Schuld keine Sühne

Mit der Annahme eines „Schuldparadoxons“ beweist Roth, dass er das von ihm selbst vertretene Konzept – ‚Willensfreiheit gibt es nicht ‚– mitunter aus dem Blick verliert bzw. unbewusst weiterhin von der Intuition eines freien Willens geprägt ist.
Denn es spielt überhaupt keine Rolle, ob „besonders abscheuliche Delikte“ mehr oder ob sie weniger mit angeborenen bzw. früh erworbenen neuralen Schädigungen zusammenhängen.
Mit dem Wegfall der Willensfreiheit kann es weder „mildernde“ noch „schulderschwerende“ Umstände geben, denn wo NICHTS – i.e. Schuld – existiert, kann auch nichts mehr gemindert oder erschwert werden.

Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 niemand in der Lage ist, eine kausal von dieser Situation unabhängige Entscheidung t>t0 zu fällen, (vgl. B. Kanitscheider), dann ist das Konzept der mildernden Umstände obsolet geworden; denn ob das Handeln zu einem überwiegenden Teil auf Umwelteinflüssen oder überwiegend auf genetischen Ursachen beruht, ist unerheblich in Bezug auf die Determiniertheit des Handelns: Der gemeine Ladendieb ist genauso unschuldig wie der brutale Mörder, denn sowohl ersterer als auch letzterer konnten zum Zeitpunkt der Tatausführung nicht anders handeln, als sie gehandelt haben.
Die Determiniertheit der verschiedenen Deliktbegehungen als Ergebnis neuronaler Aktivität, welche auf kausal wirksamen physikalisch-chemischen Gesetzen beruht, folgt somit demselben physikalischen Prinzip und richtet sich in keiner Weise nach der Schwere der kriminellen Tat.

Blogbeitrag unter Willensfreiheit, Schuld und Strafe, Spektrum.de

Übersetzen