Illusion Willensfreiheit

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Wenn aber alle Teile nicht frei sind, kann das Gesamtsystem nicht frei sein

 

DSCI1535 (2)

Christian Hoppe

„Nun ist da aber mein Gehirn, eingebettet in den Organismus und über das Nervensystem rundum mit ihm verknüpft. Und der Organismus ist seinerseits eingebettet in die Umwelt, mit der er physisch und chemisch fortlaufend interagiert. Alle diese Prozesse laufen determiniert ab. Kein Mensch kann sie vorausberechnen. Aber von Augenblick zu Augenblick kann sich der Gesamtzustand – Umwelt, Organismus, Gehirn – nur genau so verändern, wie er sich verändert. Kein einzelnes Element meines physischen Organismus verfügt über Freiheit, der gesamte Organismus ist in allen seinen Einzelteilen und Einzelfunktionen determiniert. Wie kann aber ein Gesamtsystem frei sein, wenn seine sämtlichen Bestandteile es nicht sind?

Intentionalität gibt es schon auf Zellebene

Manche mögen nun einwenden, hier läge ein mer(e)ologischer Fehlschluss vor: zu Unrecht werde dem Gesamtsystem eine Eigenschaft abgesprochen, nur weil die Teile (meros, das Teil) diese Eigenschaft nicht haben. Mit gleichem Recht könne man dann ja auch das Denken und das Fühlen als Illusionen bezeichnen, da keine Nervenzelle denken oder fühlen kann. Betrachtet man die Sache aber genauer, so kann man durchaus schon bei Molekülen und erst Recht bei Zellen rudimentäre Fähigkeiten der Reaktionsfähigkeit auf die Umwelt, ja sogar der Intentionalität (leben wollen) erkennen. 

 

Kein Element hat auch nur das geringste Maß an Freiheit

Intelligenz und Emotionen des Gesamtsystems kann man sich daher durchaus als Ergebnis einer wie auch immer gearteten koordinierten Aufsummierung sämtlicher vorhandener Informations- und Umweltbeurteilungskompetenzen auf unteren Funktionsebenen erklären.  Wie aber sollte dies bei der Freiheit gelingen? Die Summe beliebig vieler Nullen – kein Element hat auch nur das geringste Maß an Freiheit – ist und bleibt nun einmal Null. Wenn aber alle Teile nicht frei sind, kann das Gesamtsystem nicht frei sein, sondern ist insgesamt (samt seiner mentalen Zustände) determiniert. (Wie gesagt, die Quantenmechanik bringt uns hier lediglich den „echten Zufall“, durch den die Welt nicht nur praktisch-rechnerisch, sondern auch theoretisch – selbst für Gott – unvorhersehbar wird.)

Wolf Singer hat völlig Recht, wenn er feststellt, dass sich dieser (neuronale) Determinismus im Prinzip überhaupt nicht dadurch ändert, dass nun unter bestimmten Voraussetzungen auch komplexere Hirnzustände auftreten, die mit mentalen Zuständen einhergehen, wie etwa Gründe abwägen, Möglichkeiten durchspielen, innere seelische Kämpfe austragen oder, schließlich, eine Entscheidung treffen. Von all dem weiß das Gehirn nichts, davon weiß nur ich.

Die fast grenzenlos erscheinende geistige Welt des Möglichen und die scheinbar unbegrenzte Weite von Entscheidungsspielräumen kontrastiert scharf mit der absoluten Einspurigkeit und unerbittlichen Entschiedenheit des determinierten (und teils zufälligen) physischen Weltenlaufs, den wir Natur, Kosmos oder Welt nennen. Mit dieser Freiheit können wir nicht wirklich einen neuen Anfang machen.“

 

Christian Hoppe: Also „determinierte Freiheit“?  scilogs.spektrum.de

 

 

 


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