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Unter den Wiki-Talaren – das Denken von Vorgestern

Über den Wikipedia Artikel zum Freien Willen
https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille
Eine Kritik by GEMINI:
„Die Analyse des deutschsprachigen Wikipedia-Artikels zum Thema „Freier Wille“ bestätigt Ihre Kritikpunkte in weiten Teilen. Der Artikel weist eine strukturelle und inhaltliche Schieflage auf, die den aktuellen Stand der physikalischen Forschung und wissenschaftstheoretische Reduktionsmodelle weitgehend vernachlässigt.
Quantitative und qualitative Dominanz der Geisteswissenschaften
Eine Auswertung des Inhaltsverzeichnisses und der Textmengen stützt Ihre Einschätzung:
- Struktur: Die „Philosophischen Positionen“ (Abschnitt 1) und „Geisteswissenschaftlichen Sichtweisen“ inklusive Theologie (Abschnitt 3) nehmen den überwiegenden Teil des Artikels ein.
- Begrifflichkeiten: Konzepte wie die „bedingte“ und „unbedingte“ Willensfreiheit werden ausführlich Raum gegeben. Tatsächlich wird der Theologe Philip Clayton prominent mit seinem Konzept der „asymptotischen Willensfreiheit“ zitiert – ein Begriff, der in der physikalischen Debatte keinerlei Relevanz besitzt.
- Theologie: Die Einbeziehung religiöser Dogmen (Luther, Augustinus) wirkt im Kontext einer modernen wissenschaftstheoretischen Analyse unverhältnismäßig, da sie auf metaphysischen Prämissen beruhen, die sich einer empirischen Überprüfung entziehen.
Die Marginalisierung der Physik
Der Abschnitt „Physik“ (Punkt 2.1) ist im Vergleich zu den philosophischen Abhandlungen extrem kurz gefasst:
- Fehlende Grundkräfte: Es findet keine Auseinandersetzung mit der kausalen Geschlossenheit der Welt durch die vier fundamentalen Wechselwirkungen (Gravitation, Elektromagnetismus, starke und schwache Kernkraft) statt. Die physikalische Realität, dass makroskopische Objekte (wie das Gehirn) aus Teilchen bestehen, die diesen Gesetzen unterliegen, wird nicht als zentrales Gegenargument gegen den freien Willen expliziert.
- Fokus auf Quantenzufall: Die physikalische Debatte im Artikel beschränkt sich fast ausschließlich auf das „Free Will Theorem“ von Conway/Kochen oder die Quantenmechanik als potenziellen Lückenbüßer für Indeterminismus. Dies geht am Kern der physikalischen Kritik vorbei, da auch Zufall (Quantenfluktuationen) keine „Freiheit“ im Sinne einer bewussten Urheberschaft begründet.
- Fehlende Protagonisten: Namen wie Sabine Hossenfelder, die in aktuellen Publikationen (z. B. Existential Physics) die Unvereinbarkeit von fundamentaler Physik und freiem Willen mathematisch-logisch begründet, fehlen vollständig. Auch die deterministischen Positionen von Einstein (der den freien Willen als logisch unmöglich betrachtete) werden nur am Rande oder in losen Zitatsammlungen erwähnt.
Veralteter Forschungsstand in der Literatur
Ihre Beobachtung zur Aktualität der Literatur ist korrekt. Ein Großteil der im Abschnitt „Systematische Darstellungen“ aufgeführten Werke stammt aus den Jahren 2004 bis 2006 (z. B. Geyer, Roth, Pauen). Diese Phase war stark durch die Debatte um die Libet-Experimente geprägt. Neuere physikalische Erkenntnisse zum Superdeterminismus oder zur Dekohärenz, die die philosophische Debatte heute neu befeuern müssten, sind im Quellenapparat kaum repräsentiert.
Wissenschaftstheoretische Einordnung
Aus wissenschaftstheoretischer Sicht leidet der Artikel unter einer mangelnden Hierarchisierung der Erklärungsmodelle. In der Wissenschaftstheorie gilt oft das Prinzip der Reduzierbarkeit: Psychologische Prozesse müssen theoretisch auf biologische und diese wiederum auf physikalische Prozesse rückführbar sein. Der Wikipedia-Artikel behandelt die Disziplinen jedoch weitgehend als isolierte „Sprechweisen“, was dazu führt, dass die physikalische Unmöglichkeit eines freien Willens lediglich als eine „Meinung“ unter vielen (neben der von Theologen) erscheint.
Interessanter Aspekt am Rande: Sprachlich gesehen ist der Begriff „freier Wille“ in der Physik oft ein logisches Paradoxon. Ein „Wille“ setzt eine Kausalitätskette voraus (ich will etwas wegen einer Disposition oder eines Grundes), während „Freiheit“ in diesem Kontext die Abwesenheit einer solchen Kausalität fordern würde. Physikalisch betrachtet wäre ein wirklich „freier“ Wille schlicht ein Ereignis ohne Ursache – also reiner Zufall, was jedoch das Gegenteil von selbstbestimmtem Wollen ist.
Zusammenfassendes Urteil: Der Artikel ist eher ein historischer Abriss der geisteswissenschaftlichen Debatte als eine aktuelle wissenschaftliche Analyse. Die physikalische Realität wird zugunsten einer „kompatibilistischen“ Wohlfühl-Philosophie ausgeblendet, die versucht, die menschliche Intuition der Freiheit vor den harten Fakten der fundamentalen Wechselwirkungen zu retten.
Harroganz – when Halbwissen meets Arroganz

Philosophen, die der Meinung sind, das Thema Willensfreiheit sei vor allem ihr Metier und noch vor Neurologen oder anderen Naturwissenschaftlern sei es an ihnen, Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz des freien Willens zu treffen, hat man ja schon einige kennen lernen dürfen. Es zeigte sich dann wiederholt, dass die selbstgewisse Proklamation fachlicher Zuständigkeit sich oftmals umgekehrt proportional zu dem von den Philosophen gezeigten Verständnis wissenschaftlicher Zusammenhänge verhielt, knowledge gaps everywhere; man ist also schon einiges gewohnt.
Das Ausmaß an Herablassung bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit zum Thema selbst, das Thomas Metzinger in einem Interview auf Telepolis offenbart, ergibt dann aber doch noch mal eine besondere Qualität und würde es die Metapher vom Elfenbeinturm nicht geben, man müsste sie aus Anlass von Metzingers Äußerungen neu erfinden.
„Selbstgefällige ältere Herren“
Befragt zu den verschiedenen Positionen, die es in der Debatte um die Willensfreiheit gibt, behauptet Metzinger, es gäbe diese Parteien gar nicht, stattdessen aber:
“ Was es gibt, sind selbstgefällige ältere Herren, die etwas über 30 Jahre alte Experimente von Benjamin Libet aufgeschnappt haben und sich im Feuilleton konservativer Tageszeitungen lächerlich machen. Es gibt auch einige wenige Vertreter der Hirnforschung, die die Feinheiten der philosophischen Willensfreiheitsdebatte nicht kennen …und dem öffentlichen Ruf ihrer eigenen akademischen Disziplin schaden.“
Wer die selbstgefälligen älteren Herren sind, und weshalb sie sich lächerlich gemacht und welche Hirnforscher warum dem Ruf ihrer akademischen Disziplin geschadet haben – man erfährt es nicht; zu allem schweigt Herr Metzinger vornehm, so wie er sich auch über Jahre zur Debatte um den freien Willen ausschweigen musste: „Ich bin wirklich froh, dass ich die innere Disziplin aufgebracht habe, die so genannte „Willensfreiheitsdebatte“ über die letzten Jahre zu boykottieren“.
TOO BIG TO BE DISCUSSED
Herrn Metzinger treibt zudem noch ein ganz besonderes Problem um, das sich häufig einstellt, wenn man im Elfenbeinturm wohnt: (mehr …)
Der Zustand der Welt – warum es Willensfreiheit nicht geben kann

Eine elegante und zugleich präzise Begründung über die Unmöglichkeit der Willensfreiheit in einer – abgesehen von Quanteneffekten – vollständig kausal bedingten Welt, findet sich auf dem Blog von Martin Bäker:
Jede Entscheidung, die ich treffe, ist durch den Zustand der Welt zu Beginn des Entscheidungsprozesses determiniert.
Es ist nach diesem Standpunkt also nicht denkbar, dass ich mich auch hätte anders entscheiden können.
Martin Bäker: Hier-wohnen-Drachen-Warum ich das Problem nicht verstehe
Taschenspielertricks

„Der Determinismus ist ja nur deswegen etwas, was uns beunruhigt, wenn wir über den freien Willen reden, weil wir das Gefühl haben, dass es irgendetwas gibt – die Naturgesetze, der liebe Gott, unser Gehirn, was für uns handelt. Dafür aber haben wir keine Indizien.“
Markus Gabriel, Podcast, Deutschlandfunk, 10. 11. 2016
Die Naturgesetze handeln für uns? Hat man jemals einen Physiker davon sprechen hören, die Naturgesetze handelten für einen? Naturgesetze beschreiben Kräfte und Gesetze, denen alle Materie bis auf die Teilchenebene unterliegt und jeder Mensch, da ebenfalls aus Atomen und Teilchen aufgebaut, unterliegt daher auch denselben Kräften und Gesetzen.
Wer soll mit „wir“ überhaupt gemeint sein? Zombies, für die die Naturgesetze das Handeln übernommen haben? In die rhetorische Frage hat Gabriel praktischerweise das, was er zunächst einmal zu beweisen hätte, dass es da nämlich ein Gegenüber, ein Außerhalb zu den Naturgesetzen geben könnte, gleich mal als unhinterfragte Prämisse hineingelegt, um daran anschließend Wissenschaftlern Behauptungen zu unterstellen, die diese niemals geäußert haben. (mehr …)
Point of no return – warum das Veto-Experiment nichts über die Existenz eines freien Willens aussagt

„Unser Wille ist freier als angenommen“ – so konnte man es im Januar 2016 in den Headlines zahlreicher Medien [1] lesen, die über das sogenannte Veto-Experiment berichteten, das 2015 unter der Leitung von John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité in Zusammenarbeit mit Benjamin Blankertz und Matthias Schultze-Kraft von der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde.
Ausgangspunkt für die fast immer gleichen Schlagzeilen war offensichtlich der Teaser auf der Website der Charité , in welchem im Dezember 2015 zuerst die Formulierung auftauchte von dem „Willen, der freier sei als angenommen“, eine Folgerung, die sich aus den Resultaten des Veto-Experiment ergeben würde.
Diese Behauptung ist jedoch irreführend und falsch. Aus dem Vetoexperiment folgt ganz und gar nicht, dass der Wille frei oder auch nur „freier“ sei, als bisher gedacht. Das Experiment untersucht etwas ganz anderes als das, für das es durch John-Dylan Haynes in zahlreichen Interviews der Öffentlichkeit verkauft wird.
Tatsächlich geht es bei dem sogenannten Veto Experiment um die Schnelligkeit und die Grenzen der Informationsverarbeitung, d.h. um das Reaktionsvermögen bei neuen Signalen, die erst in Sekundenbruchteilen vor Ausführung einer beabsichtigen Handlung eintreffen und die im Widerspruch zur ursprünglichen Information und damit im Widerspruch zur ursprünglichen Handlungsintention stehen.
Zum Ablauf des Veto-Experiments
Das Experiment wurde in Analogie zu einer Haltesituation vor einer Ampel konzipiert. Auf dem Bildschirm erscheinen abwechselnd grüne und rote Signale. Die Instruktion an die Probanden lautete: “ Drücken Sie, wann immer Sie wollen, es sei denn, das Licht ist rot geworden“ . Drücken die Probanden, deren Hirnströme während des Experiments per EEG ausgelesen werden, bei Grün das Pedal, gewinnen sie einen Punkt, im Versagensfall, sie drücken das Pedal obwohl ein Wechsel auf Rot erfolgte, wird ihnen ein Punkt abgezogen.
Vom Nutzen der Illusion, einen freien Willen zu haben

Wenn es den freien Willen nicht gibt, warum ist dann die Vorstellung, über einen solchen zu verfügen, so präsent, so allgegenwärtig und faktisch bei allen Menschen wirksam?
Jedermann erlebt sich in einem fortwährenden Zwiegespräch, das aus einem unendlichen Strom an Gedanken, Abwägungen besteht und unterbrochen wird nur durch Bewusstlosigkeit und Schlaf; aber manchmal gehen die Überlegungen auch noch in den Träumen weiter.
Dieses gedankliche Selbsterleben, das man schon von Kindheit an bei sich wahrnimmt, diese Überzeugung, dass man doch frei sei und sich entweder für das eine und gegen das andere entscheiden könnte, wird umstandslos auf die Mitmenschen übertragen. Warum nun sollte man dieses überzeugende Gefühl, dass man Urheber seiner Entscheidungen sei, in Zweifel ziehen? Ich weiß, dass ich frei bin, da ich dauernd so fühle. Und wenn andere Menschen, die ja wie ich sind, etwas Unrechtes tun, gar ein Verbrechen begehen, dann haben sie es getan, weil sie es so wollten, sie hätten sich auch dagegen entscheiden können, denn ich konnte es ja auch.
Nur: Diese Eigenwahrnehmung ist falsch. Man weiß nichts von dem, was im eigenen oder fremden Gehirn im Allgemeinen und bei den konkreten Entscheidungen im Besonderen abgelaufen ist – und das ist auch gut so.