Illusion of Freedom of Will – Illusion Willensfreiheit

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Archiv für den Monat Mai 2017

Bernulf Kanitscheider

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„Nun kann es nicht geleugnet werden, dass in uns Menschen verführerische Gefühle am Werk sind, die uns suggerieren, dass trotz aller gesetzesartigen Determiniertheit unseres mentalen Zustandes wir zu jedem beliebigen Zeitpunkt den Eindruck haben, dass wir eine nicht durch Ursachen bestimmte Möglichkeit in uns vorfinden, in einer Wahlsituation jede von zwei Alternativen auszusuchen.

Wie eindringlich auch diese Vorstellung sein mag, dass trotz der vergangenen Geschichte des Universums, die uns in die Situation zum Zeitpunkt t0 gebracht hat, wir in der Lage wären, eine kausal von dieser Situation unabhängige Entscheidung in t>t0 zu fällen, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um eine Illusion handeln kann. Die Menschen erliegen verschiedenen metaphysischen Trugbildern, so auch etwa der, dass die Zeit fließt und wir vom Strom der Zeit weggetragen werden. In gleicher Weise drängt sich nun die Illusion der Unabhängigkeit unserer Entscheidungen vom momentanen Zustands unseres Gehirns auf. Dieser Täuschung erliegen wir aber nur – wie schon Spinoza bemerkte – weil unser Gehirn für uns selber als Handelnde undurchdringlich bleibt.   (mehr …)

Kausalgesetz und Willensfreiheit

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Max Planck:

„Kausalgesetz und Willensfreiheit – ein Thema so alt wie der innere Drang eines jeden ernsthaft nachdenkenden Menschen, das Bewusstsein seiner eigenen sittlichen Würde in Einklang zu bringen mit seiner Überzeugung von dem Walten einer strengen Gesetzlichkeit in dem gesamten Getriebe der äußeren und inneren Welt. Offenbart sich hier doch auf den ersten Anblick ein Gegensatz, wie er schärfer kaum gedacht werden kann:

Auf der einen Seite der Ablauf aller Geschehnisse nach unverbrüchlichen Regeln – in der Natur wie im Geistesleben -, die Vorbedingung jeder wissenschaftlichen Erkenntnis und die Grundlage allen praktischen Handelns.

Auf der anderen Seite die uns in unserem Selbstbewusstsein, also durch die unmittelbarste Erkenntnisquelle, die es geben kann, verbürgte Gewissheit, dass wir letzten Endes selber Herr sind über unsere eigenen Gedanken und Entschließungen, dass wir in jedem Augenblick die Möglichkeit haben, so oder so zu handeln, klug oder töricht, gut oder schlecht.

Wie reimt sich dies beides zusammen? Sicherlich ist doch jeder einzelne von uns auch nur ein Stück der großen Welt, und daher ebenso wie alle übrigen Wesen ihren Gesetzen unterworfen.“

 

Max Planck, Kausalgesetz und Willensfreiheit,  1923

Wolf Singer: Das Gehirn, ein sich selbst organisierendes System

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Die funktionelle Architektur des menschlichen Gehirns wird durch drei ineinander übergreifende Prozesse bestimmt :

1. Evolution– Die ererbte genetische Anlage legt die Grundverschaltung fest und verankert auf diese Weise Wahrnehmungsverschaltung und Verhaltensroutinen, die sich im Laufe der Evolution durch Anpassung und Selektion ausgebildet haben. In diesen genetische Strukturen ist also bereits Wissen über die Welt niedergelegt.

2. Wird die Architektur menschlicher Gehirne während eines langen Entwicklungsprozesses nachhaltig von Umweltprozessen geprägt

3. Verschaltungen werden durch lebenslanges Lernen weiter verändert. Letzteres beruht ebenfalls auf Änderungen der funktionellen Architektur des Gehirns“

 

Der Ausschnitt der Welt – Über die Limitierung unserer Erkenntnismöglichkeiten 

„Wir können natürlich nur erkennen, erdenken und uns vorstellen, was die kognitiven Funktionen unseres Gehirns uns zu erfassen erlauben. … Diese Leistungen sind mit ganz großer Wahrscheinlichkeit sehr eingeschränkt. Das Gehirn hat sich, wie alle anderen Organe und wie der Organismus als Ganzes, im Lauf der Evolution an die Bedingungen der vorgefundenen Welt angepasst, nicht anders als die Fischflosse an Eigenschaften des Wassers. Diese Anpassungen erfolgten an jenen Bereich der Welt, in dem sich Leben entwickeln konnte. Und dies ist ein extrem schmaler Ausschnitt des uns bis jetzt bekannten Universums. Leben hat sich in einer Dimension entwickelt, die sich von Mikrometern – der Raum der Bakterien – bis zu einigen Metern erstreckt. Das ist der Ausschnitt der Welt, der für das Überleben relevant ist. In diesem Segment sind ganz bestimmt Qualitäten und Gesetzmäßigkeiten prävalent. Es ist der Bereich solider Objekte und abgegrenzter Gegenstände. In der Quantenwelt und der kosmischen Dimension herrschen gänzlich andere Bedingungen. “ (mehr …)

Udo di Fabio: Verlust der Zurechnung bedeutet das Ende der freiheitlichen Ordnung

Das moderne Verfassungsverständnis jedenfalls baut in der Tiefe seiner Fundamente auf die Idee der individuellen Verantwortung.  Der Verlust dieser Zurechnung wäre das Ende einer freiheitlichen Ordnung, die den freien Menschen in den Mittelpunkt stellt

Udo die Fabio, 2002

Gerhard Roth: Strafrecht und der Begriff der Willensfreiheit

„Der dem Strafrecht zugrunde liegende (…) Begriff der Willensfreiheit schreibt dem Menschen die Fähigkeit zu, sich in seinen Entscheidungen über die Grenzen des naturgesetzlichen Geschehens hinweg zu setzen.
Eine solche Zuschreibung widerspricht jedoch gegenwärtigen psychologischen und neurobiologischen Erkenntnissen über die Steuerung menschlichen Verhaltens.
Dabei ist es irrelevant, ob Vorgänge in unserem Gehirn streng deterministisch ablaufen oder zumindest auf unterer Ebene indeterministisch bzw. chaotisch-deterministisch ablaufen.“

Roth, Verantwortung, Determinismus und Indeterminismus

Friedrich Nietzsche

 

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Wir stellen ein Wort hin, wo unsere Unwissenheit anhebt, – wo wir nicht mehr weiter sehn können, zB. das Wort „ich“, das Wort „tun“, das Wort „leiden“, das sind vielleicht Horizontlinien unserer Erkenntnis, aber keine „Wahrheiten“.

 

Nachgelassene Fragmente, 1886

 

Das Leben kein Argument

Wir haben uns eine Welt zurecht gemacht, in der wir leben können – mit der Annahme von Körpern, Linien, Flächen, Ursachen und Wirkungen, Bewegung und Ruhe, Gestalt und Inhalt: ohne diese Glaubensartikel hielte es jetzt keiner aus zu leben! Aber damit sind sie noch nichts Bewiesenes. Das Leben ist kein Argument; unter den Bedingungen des Lebens könnte der Irrtum sein.

Fröhliche Wissenschaft 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Albert Einstein

„Warum schreiben Sie mir „Gott strafe die Engländer“? Ich habe weder zu ersterem noch zu letzteren irgendwie nähere Beziehungen.  Ich sehe nur mit viel Bedauern, dass Gott so viele seiner Kinder straft für deren reichliche Torheit, für die doch nur er selbst verantwortlich gemacht werden kann.“

Albert Einstein, Brief an seinen Schweizer Kollegen E. Meyer, 2. Januar 1915

 

Schopenhauers Spruch „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will“, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewusstsein mildert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefühl und macht, dass wir uns selbst und die anderen nicht gar zu ernst nehmen; es führt zu einer Lebensauffassung, die auch besonders dem Humor sein Recht lässt.

Aus: „Wie ich die Welt sehe“, in „Mein Weltbild“

 

„Da unsere seelischen Erlebnisse in Reproduktionen und Kombinationen sinnlicher Eindrücke bestehen, so scheint mir die Konzeption einer Seele ohne Körper leer und nichtssagend.“

Brief an eine Wienerin, Februar 1921

 

„Unser Handeln sei getragen von dem stets lebendigen Bewusstsein, dass die Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Tun nicht frei sind, sondern ebenso kausal gebunden wie die Gestirne in ihren Bewegungen.“

Radioansprache Einsteins 1932